Laudatio
Der DeGEval-Nachwuchspreis wird einmal jährlich an eine Nachwuchsevaluatorin/ einen Nachwuchsevaluator vergeben, um eine herausragende Arbeit im Bereich Evaluation im deutschsprachigen Raum besonders zu würdigen.
In der Jury waren in diesem Jahr
- Prof. Dr. Udo Kuckartz vom Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg,
- Berthold Schobert, Geschäftsführer von Univation,
- Dr. Stefan Silvestrini als Preisträger des Jahres 2011 und
- Dr. Angela Wroblewski vom Institut für Höhere Studien.
An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für Ihre Mitwirkung!
Die Jury verleiht den Nachwuchspreis besonders gern, weil sich inzwischen in der DeGEval eine sehr aktive Gruppe von Nachwuchskräften konstituiert hat. Aus Sicht der DeGEval soll dieser Preis die Bedeutung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Gebiet der Evaluation ebenso hervorheben wie die Bedeutung der Nachwuchsförderung. Letzterer fühlen wir uns besonders verpflichtet. Wir hoffen, dass der Preis ein Ansporn für besondere Leistungen sein kann, und wünschen uns möglichst viele Einreichungen in den kommenden Jahren!
In diesem Jahr freuen wir uns, den Preis für eine Arbeit zu vergeben, die einen Blick über den Tellerrand des etablierten Theoriekanons der Evaluationsforschung wagt. Der Mehrwert ergibt sich dabei nicht nur durch die Verknüpfung sozial- und erziehungswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern insbesondere auch durch den Einbezug empirischer Daten, die im Rahmen von detailliert ausgearbeiteten Fallstudien entstanden sind.
Juliane Lamprecht erhält den DeGEval-Nachwuchspreis 2012 für ihre Dissertation, die in diesem Jahr unter dem Titel „Rekonstruktiv-responsive Evaluation in der Praxis. Neue Perspektiven dokumentarischer Evaluationsforschung.“ veröffentlicht wurde.

Seit mehr als fünf Jahren hat Juliane Lamprecht in verschiedenen Forschungsprojekten und Evaluationsstudien gearbeitet und sich dabei immer wieder mit der Theorie und der Praxis der Evaluation befasst, vor allem im Bereich der Sozial- und Erziehungswissenschaften. Die ausgezeichnete Arbeit entstand im Rahmen von „Tandem. Unterschiede managen“, einer Initiative im Bildungsfenster Trier der Nikolaus Koch Stiftung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Die Initiative unterstützte Kindergärten und Grundschulen dabei, feste Kooperationen einzugehen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, um Kindern den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu erleichtern. Für ihr Evaluationsvorhaben rückte Juliane Lamprecht Interaktionsprozesse zwischen evaluationsteilnehmenden Praktikerinnen und Praktikern aus Kindertagesstätten, Schulen und Programmsteuerung in den Fokus, indem sie eine Methodik der Moderation auf Basis rekonstruktiver Verfahren für die Evaluation entwickelte. Mit der Rekonstruktion von „Logiken der Praxis“ und deren Bearbeitung in responsiven Evaluationsgesprächen konnte die Evaluation praktische Relevanz für Projektakteure und Programmsteuerung entfalten. Die Arbeit hat den Anspruch auf Grundlage von empirischen Fallstudien, die dem Ansatz der dokumentarischen Evaluation folgen, eine Theorie der Evaluationspraxis zu entwickeln. Besonders beeindruckend ist die detaillierte, systematische Analyse des Reflektionsprozesses, ausgehend von methodologischen Überlegungen zur Ergebnisbewertung über das Sampling bis hin zur Aufarbeitung der Bewertungsergebnisse. Auf dieser Basis werden schließlich Ansatzpunkte für die Entwicklung einer Theorie der Evaluationspraxis aufgezeigt. Kaum ein Werk in der aktuellen deutschsprachigen Forschungsliteratur setzt sich derart systematisch mit diesem Themenfeld auseinander.
Wohl wissend, dass eine Arbeit häufig nicht ausreicht, um alle interessanten Themenstellungen zu bearbeiten, hätten wir uns eine (tiefergehende) Berücksichtigung von einigen Aspekten gewünscht.
So kommt die kritische Auseinandersetzung mit der Methode der dokumentarischen Interpretation und die Verarbeitung angelsächsischer Literatur zu kurz, die Gender-Perspektive hätte aus unserer Sicht im Feld Kindertagesstätten/ Schule Gewinn bringend berücksichtigt werden können oder der Forschungs- und Diskussionsstand bezüglich der Kommunikation von Evaluationsergebnissen hätte stärker aufgegriffen werden können.
Der Mehrwert der Arbeit, der sich für Evaluationstheoretiker und -praktiker ergibt, liegt in der Methodik zum Aufbau der responsiven Gespräche: Durch die Form eines In-Beziehung-Setzens von „Bewertungslogiken“ verschiedener Gruppen, mittels sprachlicher Erzeugnisse und Videopassagen, versteht es die entwickelte Methodik, interessante Impulse für die Ergebnisvermittlung von Evaluationen zu geben.
Juliane Lamprecht hat Erziehungswissenschaften an der FU Berlin in der Studienrichtung Erwachsenenbildung studiert. Nach ihrem Studienabschluss war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem DFG-Projekt der FU Berlin tätig und hat anschließend bis Mitte 2011 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pädagogik, Philosophie, Psychologie in der Abteilung Sozialpädagogik an der Universität Trier gearbeitet. Nach einer weiteren Station als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, ist Juliane Lamprecht seit Ende letzten Jahres Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für die Didaktik der Geographie mit einem Forschungsschwerpunkt in Responsiver Organisations- und Evaluationsforschung.
Wir freuen uns sehr, dass Juliane Lamprecht weiter wissenschaftlich tätig sein wird und hoffen auf viele weitere Beiträge zur Evaluationsforschung von Ihr. Juliane Lamprecht musste leider kurzfristig absagen, so dass sie den Preis nicht persönlich entgegen nehmen kann. Aufgrund von Komplikationen in der Schwangerschaft war es ihr nicht möglich, die Reise nach Potsdam durchzuführen. Wir wünschen Ihr von dieser Stelle alles Gute und gratulieren ihr sehr herzlich!